Was haben fünf Weine mit fünf Lebensgeschichten gemeinsam? Bei der „Biografischen Weinlese“ in Zell-Weierbach bei Offenburg zeigte sich, wie gut beides zusammenpasst. Fünf unterschiedliche Lebenswege, fünf dazu ausgewählte Weine. Auch eine Videobiografie war Teil des Abends, über den die Mittelbadische Presse berichtete.

Biografin und Videobiografin Verena Glaese aus Heidelberg stellt bei der Biografischen Weinlese einen biografischen Kurzfilm vor. © Daniel Godde
Fünf Weine, fünf Lebensgeschichten
Was macht ein Leben erzählenswert? Sind es die großen Erfolge, außergewöhnliche Erlebnisse oder vielleicht gerade die kleinen Begebenheiten, an die sich Menschen noch Jahrzehnte später erinnern? Bei der „Biografischen Weinlese“ unter dem Motto „Ein Glas voller Leben“ am 12. September 2026 wurde deutlich, wie unterschiedlich die Antworten darauf ausfallen können.
Meine liebe Kollegin Sandra Martin lud gemeinsam mit dem Biografiezentrum, der Vereinigung deutschsprachiger Biografinnen und Biografen, zu einem besonderen Abend ein. Veranstaltungsort war die Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg. Fünf Biografien standen auf dem Programm, jede auf ihre eigene Weise erzählt. Mal als Lesung, mal im persönlichen Gespräch und schließlich als Film. Zu jeder Lebensgeschichte reichte die Weinmanufaktur einen passenden Wein, den die Gäste während des Abends probieren konnten.

Biografische Weinlese des Biografiezentrums in Zell-Weierbach bei Offenburg. Präsentation: © Sandra Martin
Die Geschichten führten in unterschiedliche Lebenswelten. Es ging um Herkunft und Heimat, persönliche Entscheidungen, Veränderungen und Erinnerungen, die über viele Jahre erhalten geblieben waren. Mich faszinierte besonders, wie unterschiedlich die Porträtierten auf ihr Leben zurückblickten und wie viel Persönlichkeit in ihrer Art zu erzählen lag.
Eine Videobiografie als Geschenk zum 80. Geburtstag
An diesem Abend präsentierte ich einen biografischen Kurzfilm über eine charmante österreichische Dame. Die Videobiografie entstand als Geschenk zu ihrem 80. Geburtstag. Sie war mit wenig aufgewachsen und gab im Laufe ihres Lebens viel weiter: Geborgenheit, Verlässlichkeit und einen trockenen Humor, der sie bis heute auszeichnet.
Als ältere Schwester und Tochter einer Schusterfamilie hatte sie früh ihren Platz im Familiengefüge gefunden. Später wurde sie selbst Mutter und Großmutter und übernahm eine prägende Rolle im Familienbetrieb. Ihre Lebensgeschichte erzählt von familiärem Zusammenhalt, Verantwortung und einer Frau, deren Stärke sich nicht an großen öffentlichen Erfolgen messen lässt.
Für ihre Familie sollte der Film die Erinnerungen an sie lebendig halten. Gerade die alltäglichen Erfahrungen, ihre unverwechselbare Art und die Beziehungen zu anderen Menschen machen dieses Lebensporträt so persönlich.
Bevor ich den Film zeigte, erklärte ich den Gästen, was eine Videobiografie von einer geschriebenen Lebensgeschichte unterscheidet. Ein Buch bietet Raum, um Erinnerungen ausführlich zu erzählen, Hintergründe zu beleuchten und Entwicklungen nachzuzeichnen. Im Film begegnen wir einem Menschen zusätzlich durch seine Stimme, seine Mimik und Gestik. Wir hören das Lachen, erleben eine nachdenkliche Pause oder erkennen eine vertraute Handbewegung wieder.
Wenn persönliche Lebensgeschichten ein Publikum finden
Viele Biografien entstehen zunächst aus einem persönlichen Wunsch heraus: Erinnerungen für die Familie zu bewahren, auf das eigene Leben zurückzublicken oder Erfahrungen an kommende Generationen weiterzugeben. Andere sind von Anfang an für einen größeren Leserkreis oder ein öffentliches Publikum bestimmt.

Aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgten bei der „Biografischen Weinlese“ unterschiedliche Lebensgeschichten in Wort und Film. Foto: © Daniel Godde
Bei der „Biografischen Weinlese“ begegnete das Publikum fünf Persönlichkeiten, die es größtenteils nicht persönlich kannte. Trotzdem fanden sich die Gäste in einzelnen Erlebnissen wieder, staunten über Entscheidungen oder schmunzelten über eine Anekdote.
Eine kleine Begebenheit erinnert uns vielleicht an die eigene Kindheit. Oder wir hören von einer Entscheidung, vor der wir selbst einmal standen. Auch die Erfahrungen älterer Generationen können plötzlich sehr gegenwärtig werden, wenn wir verstehen, unter welchen Bedingungen sie ihr Leben gestalteten.
Darin liegt für mich der besondere Reiz solcher Veranstaltungen. Vorausgesetzt natürlich, die porträtierten Menschen sind mit einer Veröffentlichung einverstanden.
Viele Fragen und ein lebendiger Austausch
Im Anschluss an die Präsentationen entwickelte sich eine lebendige Diskussion. Gemeinsam mit Adele von Bünau, der Leiterin des Biografiezentrums, und weiteren Kolleginnen beantwortete ich zahlreiche Fragen aus dem Publikum. Die Gäste wollten wissen, wie lange die Arbeit an einer Biografie dauert, welche Kosten entstehen und wie die Zusammenarbeit abläuft. Auch ethische Fragen kamen zur Sprache. So interessierte sich ein Gast dafür, ob wir schon einmal einen Auftrag aufgrund der politischen Gesinnung einer Person abgelehnt haben.

Verena Glaese im Austausch mit Adele von Bünau, Leiterin des Biografiezentrums. Im Anschluss beantworteten die Biografinnen Fragen aus dem Publikum. Foto: © Daniel Godde
Sehr gefreut habe ich mich über das große Interesse und die Offenheit, mit der die Gäste nachfragten. Neben den praktischen Fragen ging es auch um eine grundsätzliche Überlegung: Welche Verantwortung tragen Biografinnen und Biografen, wenn ihnen Menschen ihre Lebensgeschichte anvertrauen?
„Ein Glas voller Leben“ – die Mittelbadische Presse berichtet
Am 15. September 2026 berichtete die Mittelbadische Presse ausführlich über die „Biografische Weinlese“ in Zell-Weierbach. Redakteurin Natali Bergen stellte die fünf Stationen des Abends vor und griff dabei auch einen Gedanken auf, der mir bei meiner Arbeit als Videobiografin besonders wichtig ist: Mimik, Gestik und Tonfall werden Teil des filmischen Porträts.

Zeitungsbericht „Ein Glas voller Leben“ der Mittelbadischen Presse vom 15. September 2026. Redakteurin Natali Bergen berichtet über die Biografische Weinlese in Zell-Weierbach.
Die „Biografische Weinlese“ bot eine schöne Gelegenheit, unterschiedliche Formen biografischen Erzählens einem interessierten Publikum näherzubringen. Mein Dank gilt Sandra Martin für die Organisation und allen Beteiligten, die diesen Abend möglich machten.
Vielleicht ist der Bericht auch eine Anregung, in der eigenen Familie genauer nachzufragen. Welche Geschichten kennen wir von unseren Eltern und Großeltern noch gar nicht? Und welche Erinnerungen möchten wir für kommende Generationen bewahren?
Welche Geschichte sollte nicht verloren gehen?
Vielleicht gibt es auch in deiner Familie oder deinem Unternehmen Geschichten, die bisher nie festgehalten wurden. Erfahrungen, die nur noch wenige Menschen kennen. Anekdoten, die bei Familienfeiern erzählt werden. Werte, die über Generationen weitergegeben wurden.
Welche Geschichte sollte deiner Meinung nach nicht verloren gehen?

Über die Autorin
Verena Glaese ist Biografin und Gründerin von „Erzähle Deine Geschichte“. Sie begleitet Menschen, Familien und Unternehmer dabei, Lebensgeschichten, Familiengeschichte und Generationenwissen für kommende Generationen zu bewahren. Dafür verbindet sie Biografiearbeit, biografische Interviews, Videobiografien, smarte Buchbiografien und digitale Erinnerungsräume zu individuellen biografischen Projekten.
Zu ihren Schwerpunkten gehören Lebensgeschichten, Familiengeschichte, Erinnerungskultur, Zeitzeugeninterviews, Generationenwissen, Unternehmensnachfolge sowie die Frage, wie Erinnerungen und Erfahrungen im digitalen Zeitalter bewahrt und weitergegeben werden können.